Brinkmann meets Burroughs

 

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre wurde es für Rolf Dieter Brinkmann zunehmend wichtig, sich vom Literaturbetrieb, so wie er ihn in der Bundesrepublik vorfand, abzugrenzen. Von grosser Bedeutung war für ihn, Literatur zu popularisieren und sich von deutsche(n) Dichter(n) als Fernsehleichen1 abzugrenzen. Zu dem 1969 verfassten Titel Silverscreen schrieb er

Diese Anthologie hat keinen hohen Anspruch, ausser dem: darauf hinzuweisen, dass Gedichte nicht notwendig langweilig sein müssen. [...] Die zwanghafte Stilgebärde, die sich nach der literarischen Erfindung der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts in den europäischen Produkten der Gegenwartsliteratur auswirkt, fehlt den Gedichten dieser Anthologie [...]2

Er folgte damit der Forderung des amerikanischen Essayisten und Literaturkritikers Leslie A. Fiedler, nach dem vermeintlichen Absterben der amerikanischen Moderne und ihrer Vorreiter Proust, Mann und Joyce, an deren Stelle eine Postmoderne zu stellen. Fiedlers postmodernes Dreigespann heisst Burroughs, Ginsberg, Kerouac. Besonders William S. Burroughs mit seinen formalen Experimenten scheint ihm geeignet, einen Neubeginn der Literatur zu umreissen.

In Silverscreen schreibt Brinkmann dazu

Die Charakterisierung Post-Moderne [...] bezeichnet m.E. sehr gut die hier verzeichneten Gedichte. Der Comic-Charakter ist bei vielen Gedichten offensichtlich Marshall McLuhan beobachtet zutreffend: "Die unvollkommene Form gestattet grössere Beteiligung". Dort, in dem Gedicht, wo die ganze Welt und Gott behandelt wird, werden auch die konkreten Details erledigt [...] Die Charakterisierung Post-Moderne bezeichnet zugleich aber auch sehr gut den seit langem überfälligen Trend, die in hohen kulturellen Ansprüchen festgehaltene Mystifkation Dichter [...] abzuschaffen und damit die in dieser Figur vermittelte Autorität fallenzulassen.

Supermen are for supermarkets and heroes are for sandwiches! Nicolas Calas, Kunstkritiker3

So werden die nach Fiedler postmodernen Autoren Amerikas richtungsweisend für Brinkmann. In sein literarisches Wirken fliessen ganz besonders Burroughs und dessen Arbeitsweise zunehmend ein und damit auch Fiedlers Theorie einer postmodernen Literatur.

Mittels einer Reihe von Essays4 hat Fiedler - vor allem in Hinblick auf die Autoren der amerikanischen Beat-Generation - eine Theorie für eine postmoderne Literatur entwickelt. Darin gibt er Pop-Formen den Vorrang vor traditioneller Kunst und Avantgarde. Er will die Lücke zwischen Massenkultur und dem, was man bis dahin Kunst genannt hat, geschlossen sehen. Die Literatur der Avantgarde5 kann dieses nach Fiedler nicht leisten; sie sei zu abgehoben und anspruchsvoll. Um aber populären Formen letztendlich gerecht werden zu können, sollen Anspruch, genauso wie Innerlichkeit und intellektuelle Analyse, vermieden werden. Daraus ergibt sich eine Immunität gegenüber Lyrizismus und moralisierenden sozialen Kommentaren. Das Resultat ist schliesslich eine neue Pop Art.

Die zeitgemässe Literatur nach Fiedler müsse sich der Genren der Massenkultur bedienen, so wie sie von den Medien der Gegenwart, etwa Kino, TV oder Comic, geboten würden. So sei die geforderte Entfernung von Kunst dann konsequent durchführbar. Vor allem dreien dieser populären Genres gibt er den Vorrang: Western, Science Fiction und Pornographie6

Dabei repräsentiere der Western, ein klassisches Genre der Groschenhefte, TV-Serien und B-Movies, den Bereich der individuellen Mythen. Schon während der Kindheit eines jeden, in der James F. Coopers Lederstrumpf zur üblichen Lektüre gehörte, sei dieser Bereich verinnerlicht worden. Dieses Phänomen der schon im Kindesalter stattfindenden Rezeption populärer Genres sieht er nicht nur für den amerikanischen Raum als gegeben an, beobachtet er doch etwa für Deutschland ein ähnliches Element im Lesen der Bücher Karl Mays.

Dagegen decke Science Fiction den Bereich der öffentlichen Mythen ab. Es handele sich hierbei nicht nur um reine Abenteuergeschichten von Zeitreisen oder Invasionen vom Mars, sondern um Spekulationen über Fortgang der Menschheit und Menschheitsende. Dabei würden letztlich die Ebenen von Zukunft und Gegenwart bewusst vermischt.

Das dritte Genre, die Pornographie, betrachtet Fiedler als erhabene Art der Subliteratur - ihr Vorteil für ein Literaturprogramm sei, dass sie ausschliesslich als eine Form der Unterhaltung verstanden würde. Sie sei näher an den Kategorien des Lasters als an denen der Kunst angesiedelt und somit besonders geeignet für eine Verweigerungshaltung in Sachen Kunstproduktion.

Diese Tatsache ermögliche im Endeffekt schliesslich eine Reihe von Differenzauflösungen: nämlich die zwischen Kritik und Publikum im Sinne von Geschmacksführern und ihren Anhängern genauso wie die zwischen Profi und Amateur. Somit könnten diese normalerweise divergierenden Gruppen schliesslich eine Einheit bilden.

Brinkmann schreibt in diesem Sinne

Von avantgarde poetry kann nicht mehr die Rede sein. Ebenso entziehen sich diese Gedichte der billigen Begriffsschablone modern. Die antitheoretische Haltung, die in der gegenwärtigen amerikanischen Lyrikszene überwiegt, möchte jene blöden Züchtigungsrituale feuilletonistischer Kritikerschreibe unterbrechen, die mit ihrem Gegenstand (das einzelne Gedicht) gemeinhin nichts zu tun haben. Was aber passiert statt dessen?7

In seinen Freiburger Reden versuchte Fiedler eine Antwort

Als Gattung hat der Roman wahrscheinlich am wenigsten eine Zukunft in einer Zeit des ausufernden Dilletantismus, denn es ist viel einfacher, Gitarre zu spielen oder einen 8mm-Film von 2 Minuten Länge zu drehen und er wird sicher mehr und mehr an Bedeutung verlieren auch wenn er sich noch so sehr ändert.

Im Augenblick allerdings auf der Schwelle des Übergangs von der Kunst zur Nicht-Kunst rafft er sich noch einmal zu einer aussergewöhnlichen Leistung auf. Denn er weiss, dass er sich modifizieren muss, dass ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als sich von den Sachzwängen, vom Realismus, den er lange für sein Metier hielt, zu lösen8 Das bedeute eine Hinwendung zur Erforschung des "inneren Raumes: durch ein Abenteuer des Geistes, eine Erweiterung der psychischen Möglichkeiten des Menschen"9 Als den Poeta laureatus dieses neuen Zeitalters10 betrachtet er William S. Burroughs.

 

Cut-up bei Burroughs

Das Besondere der Arbeiten Burroughs' ist die von ihm zusammen mit dem Maler Brion Gysin entwickelte Methode des Cut-up. Dabei handelt es sich um ein experimentelles Verfahren, welches der filmischen Schneidetechnik entlehnt ist

was wir sehen wird weitgehend bestimmt durch das was wir hören

diese behauptung lässt sich durch ein simples experiment beweisen stellen sie den ton an ihrem fernsehgerät ab und ersetzen sie ihn durch einen beliebigen tonstreifen den sie zu vor mit ihrem tonbandgerät aufgenommen haben strassengeräusche musik gespräche aufnahmen aus anderen fernsehprogrammen sie werden feststellen dass der ausgetauschte tonstreifen angemessen erscheint und darüber hinaus ihre interpretation des flmstreifens auf dem bildschirm bestimmt

leute laufen zu einem bus am picadilly vom tonband maschinengewehrfeuer sieht aus wie petrograd 191711

Die Methode ist denkbar einfach.

Jeder, der ein "phillips kassettengerät handliche ausführung für strassenaufnahmen und wiedergabe"12 besitzt, kann mitspielen.

Man nehme irgendeinen Text auf, spule zum Anfang zurück und lasse dann ein beliebig langes Stück ablaufen. Dann nehme man noch einen zweiten kurzen Text auf, auch dieser wieder beliebig gewählt. Damit über spielt man einen Teil der ersten Aufnahme.

Dieses Verfahren wiederholt man mehrmals, immer unter dem Gesichtspunkt der Beliebigkeit, so dass zufällige Kombinationen entstehen. Nach Burroughs fügen sich diese Passagen in vielen Fällen ein und ergeben einen erstaunlichen Sinn. Auch mit schriftlich festgelegten Texten lässt sich dieses System der Cut-ups anwenden. Um weiterhin die Zufälligkeiten der Kombinationen zu gewährleisten, führt Burroughs noch einen weiteren Kunstgriff ein: das Fold-inl3 Dazu nimmt man jeweils eine Seite zweier Texte, die man der Länge nach faltet, um sie dann so aneinanderzulegen, dass man beide über die Faltstelle hinweg wie einen Text auffassen kann. Natürlich entstehen dabei wieder überraschende Kombinationen. In Nova Express führt Burroughs dieses System explizit vor, indem er einen Kafka-Text mit einem neuen Textteil montiert14

Das folgende Zitat kann als Beispiel für das Ergebnis dienen

"Ich glaube", sagte der Mann, "dieser Herr fühlt den glühenden blauen Himmel. Hatte er es so eilig?" Dennoch gibt es eine raffnierte Untergrundbewegung Fehlsteuerung, ganz oder teilweise - Die Kanzleiluft - Köpfe in Flaschen - Wollen zweifelos den Advokaten stürzen - Eine Revolte der Klienten - Wie könnte er sich die Hälfte gestürzter Köpfe erhalten? - Metallisch schimmernde Hitze in einem Stadium, wo jede weitere Hilfe zur Mittagszeit schmilzt und in unzugängliche Gerichtshöfe verschwindet15

Diese Cut-ups lassen sich beliebig weit treiben, und auch die Möglichkeiten dieses Experiments lassen sich noch ausdehnen. Wichtig ist, bestehende Texte in ihrer üblichen Form aufzubrechen und somit neue Zusammenhänge zu schaffen.

dazu muss man zuerst einmal die assoziationsbahnen des kontrollgeräts isolieren und abschneiden

gehen sie mit einem tonbandgerät umher und nehmen sie die hässlichsten und dümmsten dinge auf kombinieren sie ihre hässlichen dinge miteinander erhöhen sie die geschwindigkeit verlangsamen sie die geschwindigkeit spielen sie rückwärts ab stören sie das band sie werden eine hässliche stimme hören und sehen dass ein hässlicher geist aus hässlichen alten konservierten aufnahmen besteht je häufiger sie die bänder durchlaufen lassen und miteinander kombinieren desto machtloser werden sie zerschneiden sie die konservierten aufnahmen in luft in dünne luft16

So entsteht letztendlich zwar keine neue Sprache, aber durch die immer neuen Kombinationen zumindest eine neuartige Ebene, auf der Neuinterpretationen der Sprache und der von ihr beschriebenen Welt möglich werden. Die Beliebigkeit der Montagen hilft dabei, möglicherweise verinnerlichte Automatismen der herkömmlichen Auffassungsweise auszuschliessen.

 

Brinkmann meets Burroughs   ] Ingo Sundmacher